Aufräumen mit Kabel-Mythen

In den letzten Tagen werden von verschiedenen Medien wie z.B. der Süddeutschen Zeitung, der Zeit oder auch Heise merkwürdig gleichlautende Artikel zu den angeblichen Nachteilen der Erdverkabelung von HGÜ bzw. HVDC Erdkabeln veröffentlicht.

Der Zeitpunkt dürfte nicht zufällig gewählt sein: am 14.10.2015 will ein Wirtschaftsausschuss des BMWi über die Gesetzesänderung zum Thema „Erdkabel-Vorrang für Höchstspannungs-Gleichstromübertragung (HGÜ)“ beraten. Es wird also ernst und die Freileitungs-Lobby zieht noch einmal alle Register, um den Vorrang für Erdkabel zu relativieren und zu verwässern. Dazu werden die guten Kontakte zur Presse genutzt. Schließlich ist man Geschäftspartner, ist doch die Presse zu einem guten Teil abhängig von Werbeeinnahmen durch geschaltete Anzeigen.

Selbst recherchierte Artikel scheinen der Vergangenheit anzugehören, Behauptungen werden nicht überprüft, sondern einfach übernommen.

So werden z.B. immer wieder die folgenden Aussagen gemacht:

  • Erdkabel sind zu teuer, 8 mal teurer als Freileitungen.
  • Erdkabel erhitzen den Boden, landwirtschaftliche Erträge sinken.
  • Erdkabel sind sehr aufwendig zu verlegen.
  • Erdkabel haben grosse Trassenbreiten zur Folge.
  • Bei Erdkabeln sind für 2 GW Übertragungsleistung 4 Einzelkabel notwendig.
  • Bei Erdkabeln sind alle 1000 m Muffenhäuschen zur Verbindung von Kabelsegmenten notwendig.

Und ganz neu von Tennet verbreitet:

  • Es kann gar nicht genügend Erdkabel für die Südlink-Verbindung produziert werden.

Falsch, ABB als Hersteller von HGÜ See- und Erdkabeln bestreitet das auf Twitter.

oder auch neu:

  • Es gibt kaum Firmen, die die Erdkabel verlegen können.

Falsch, es sind in Deutschland zig-tausend KM Gas-Pipelines unterirdisch verlegt worden. Wer hat das bloß gemacht?

Wir sind gespannt was sich die Übertragungsnetzbetreiber noch alles werden einfallen lassen. Wir werden die Liste der Erdkabel-Mythen sicher in nächster Zeit noch verlängern müssen. Wir prophezeien: Je näher die Gesetzesvorlage kommt, desto mehr ähnliche Artikel (siehe oben) werden erscheinen.

Mit all diesen Kabel-Mythen räumt der Verbund von 20 Landkreisen, die sog. „Hamelner Erklärung“, gründlich auf und hat dazu die folgende Broschüre veröffentlicht:

Aufräumen mit alten Kabel-Mythen

Hier noch ein aufklärender Beitrag des Bayerischen Rundfunks über eine Studie mit Feldversuch zu den Auswirkungen der Erdverkabelung auf landwirtschaftliche Nutzflächen. Es wird hier darauf hingewiesen, daß nicht die Temperaturerhöhung während des Betriebs das eigentliche Problem ist, sondern eher ein unzureichender Bodenschutz während der Baumaßnahmen. Entsprechend sind die Baumaßnahmen bodenkundlich zu überwachen. 

Leider hat der Bayerische Rundfunk den entsprechenden Video-Beitrag komplett aus dem Internet entfernt und nur noch den Textbeitrag im Netz.

Auswirkungen der Erdverkabelung
 

 
[Update 05.10.2015]

Wie prophezeit wurde heute über verschiedene Medien massiv,  auf Basis einer dpa-Meldung, aus dem Bundeswirtschaftsministerium über die angeblich sehr viel teureren Erdkabel berichtet. Diese „erheblichen“ Mehrkosten von bis zu 8 Mrd € (max. 3-9€ pro Jahr und Haushalt) müssten von allen Stromkunden bezahlt werden. Wir bezweifeln gemeinsam mit dem Verbund von mehr als 20 Landkreisen diese Zahlen! Hier soll noch einmal Stimmung in der Bevölkerung gegen die berechtigten Sorgen der Betroffenen entlang der Trassen gemacht werden. Wir vermuten, dass der von den Koalitionsspitzen beschlossene Vorrang für die Erdverkabelung in der geplanten Gesetzesänderung verwässert werden soll. Wir werden hier sehr wachsam sein!

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4 Kommentare zu „Aufräumen mit Kabel-Mythen“

  1. Ich denke nicht das man die Öffentlichkeit verdummen will. Das Problem ist die Komplexität der Themen. Nach der Internetrecherche kommt man zu dem Gefühl das hier für die Firma ABB getrommelt wird. HGÜ ist eine Technologie in der Entwicklung. Heute massiv unsere Netze umzugestalten und die dann veraltete Technologie 50 Jahre zu betreiben ist auch nicht die beste Lösung. Es gibt auch interessante Forschungen zu supraleitenden Kabeln, die heute nicht verfügbar sind. Seekabel und Erdkabel unterscheiden sich deutlich und die Verlegekosten unterscheiden sich massiv. Dazu schreibt ABB bemerkenswerterweise,ob Erd- oder Freileitungsverlegung (betriebswirtschaftlich) sinnvoll ist, ist von Projekt zu Projekt zu unterscheiden. Die heute verwendeten Verfahren haben alle Ihre Vor und Nachteile. Ich lebe übrigens in einem Ort durch den seit über 30 Jahren das deutsche Höchstspannungsnetz durchführt und bin Elektroingenieur, der ohne jeglichen Bezug zur Energiewirtschaft arbeitet.

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    1. Wir sind weit davon entfernt für eine bestimmte Firma die Werbetrommel zu rühren. ABB ist aber momentan die einzige Firma, die – nach eigener Aussage – ein Erdkabel einsatzbereit zur Verfügung hat, das mit einem einzigen Adernpaar über 2GW Leistung übertragen kann. Damit würde eine Trassenbreite im Vergleich zu den von Tennet bisher eingesetzten Kabeltypen halbiert werden.
      Ich bin übrigens auch Elektro-Ingenieur und arbeite bei einem Wettbewerber von ABB.

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  2. Das wir von den Medien verdummt werden sollen, das wissen wir ja schon, nur wer kann die Öffentlichkeit davon in Kenntnis setzen?
    Das geht wohl nur durch Leserbriefe oder Plakate. Vielleicht auch über Facebook und Twitter?

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